Um ein Kind aufzuziehen, braucht man ein ganzes Dorf

Die SRH Schulen Jugendhilfe arbeitet seit Jahren eng mit dem Familientherapeutischen Zentrum (FaTZ) in Neckargemünd zusammen. Die Tagesklinik bietet akute kinder- und jugendpsychiatrische und psychiatrische Therapien für psychisch kranke Kinder mit Eltern und psychisch kranke Eltern mit Kindern. In diesem Interview sprechen PD Dr. med. Rieke Oelkers-Ax, ärztliche Leitung des FaTZ, und Wolfgang Maier, Leiter der SRH Schulen Jugendhilfe, über ihre Kooperation und die Vorteile der Zusammenarbeit.

 

Die SRH Schulen Jugendhilfe und das FaTZ arbeiten seit Jahren erfolgreich zusammen. Wie kam es zu der Kooperation?

W. MAIER: In der Jugendhilfe nimmt der Anteil an klassischer Erziehungshilfe immer mehr ab, während der Bedarf an therapeutischer Arbeit seit Jahren kontinuierlich wächst. Als das FaTZ mit dem Angebot familientherapeutischer Angebote im Jahr 2015 eröffnet wurde, stellte mein Vorgänger sofort den Kontakt her.

R. OELKERS-AX: Herr Farrenkopf, der damalige Leiter der Jugendhilfe, kam direkt bei mir vorbei. Die Familien, die wir betreuen, ähneln sich teilweise sehr stark und wir haben viele Berührungspunkte. In unserer Klinik begleiten wir Eltern und Kinder, die eine schwierige Beziehungsgeschichte hinter sich haben. Oft haben unsere Patienten Depressionen oder andere psychische Erkrankungen, die die Entstehung eines guten Eltern-Kind-Verhältnisses verhindern und auf beiden Seiten für Hilflosigkeit sorgen. Wir unterstützen sie durch ein multimodales familienpsychiatrisches Therapiekonzept mit verschiedenen Therapiebausteinen inklusive körperorientierteren und kreativer Angebote sowie bei der Alltagsgestaltung.

W. MAIER: Das therapeutische Angebot ist genau die Schnittstelle, an der unsere Zusammenarbeit ansetzt. In unserer Arbeit ist die Grenze zwischen Pädagogik und Therapie oft fließend.

R. OELKERS-AX: Und Pädagogik und Therapie müssen oft langfristig eng verzahnt sein, um für die Kinder und Familien wirklich hilfreich zu sein.

 

Wie sieht ihre Zusammenarbeit konkret aus?

W. MAIER: Ein gutes Beispiel ist unser Fachdienst, den wir derzeit in der SRH Schulen Jugendhilfe aufbauen. Der Fachdienst dient unseren Mitarbeitern als beratende Instanz. Es werden einzelne Fälle besprochen und beratend zur Seite gestanden. Das FaTZ wiederum berät unsere Kollegen des Fachdienstes in bestimmten Fällen, es ist quasi der Fachdienst unseres Fachdienstes.

R. OELKERS-AX: Wenn Kinder aus einer psychiatrischen Klinik kommen und in eine Maßnahme der Jugendhilfe – sei es eine Wohngruppe oder eine Tagesgruppe – übergehen, brauchen sie eine besonders intensive Betreuung. Um den besten Rahmen für Kinder zu schaffen, müssen alle am Hilfsprozess beteiligten Personen wie Eltern, Schule und Therapeuten, zusammenarbeiten. Es hilft dabei, wenn an einem bestimmten Punkt jemand von extern sich den Fall einmal anschaut.

W. MAIER: Wenn sich ein Fall als besonders schwierig erweist, halte ich gerne mit Frau Oelkers-Ax Rücksprache, um ihren Blick von außen in unsere Arbeit mit einbeziehen zu können. Unsere Kooperation erstreckt sich sowohl auf die Supervision des Jugendhilfeteams als auch die Einzelfallberatung in konkreten Fällen.

R. OELKERS-AX: Auf der anderen Seite ist das FaTZ froh, einen zuverlässigen Partner an der Hand zu haben, mit dem wir Hand in Hand arbeiten können. In einer Notfallsituation bei uns im Haus, wenn zum Beispiel eine schnelle Inobhutnahme eines Kindes oder Jugendlichen notwendig ist, melde ich mich bei Herrn Maier. In solchen Fällen geht es meist um häusliche Gewalt oder Kindeswohlgefährdung. Ich weiß, meine Patienten sind gut bei ihm aufgehoben und in Notfällen finden wir eine schnelle, unkomplizierte Lösung. Ich schätze diese Flexibilität sehr!

 

Gibt es ein Beispiel für die gute Kooperation?

R. OELKERS-AX: Wir hatten einmal eine sehr dringende Krisensituation bei uns im FaTZ. Ein Kind konnte einfach am Abend nicht wieder in seine Familie heimgehen. Die SRH Schulen Jugendhilfe kann in Notfällen einem Kind für wenige Tage nach Rücksprache mit dem Jugendamt kurzfristig einen Platz bieten. Herr Maier hat das Kind innerhalb von ein paar Stunden bei uns abgeholt und in einer Wohngruppe untergebracht. Das war an diesem Tag unsere Rettung. Es ist gut zu wissen, dass das Kind in nur 500 Metern Luftlinie zu unserer Klinik in guten Händen war.

W. MAIER: Ich glaube, in diesem Fall war es auch gut, dass die Mutter mich bei der Abholung sehen konnte. Ich konnte Vertrauen zu ihr aufbauen, sodass wir ihr Kind ohne größere Probleme zu uns mitnehmen konnten. Das ist nicht selbstverständlich.

R. OELKERS-AX: Wir konnten dann in Ruhe mit der Mutter zusammenarbeiten und einen Notfallplan erarbeiten. Die Mutter hat die kurzfristige Aufnahme als Hilfestellung akzeptiert und war froh, den Mitarbeiter der Jugendhilfe kennenzulernen. Es ist schließlich nicht leicht, das eigene Kind abzugeben.

 

Wie profitieren Sie von der Zusammenarbeit?

R. OELKERS-AX: Wir arbeiten nach dem Prinzip der Vernetzung und haben einen systemischen Blick. Ich halte eine enge Kooperation von Pädagogik und Therapie, von Jugendhilfe und Gesundheitswesen im Sinne der Kinder und Familien für essentiell. Man sollte nicht in Sektoren denken, sondern im Sinne der Kinder und Familien vernetzt und inklusiv arbeiten. Unsere Arbeit lebt von Kooperation.

W. MAIER: Letztendlich geht es uns allen um das Wohl der Kinder. Je besser man sich untereinander kennt und weiß, über welche Ressourcen und Methoden die Partner verfügen, desto besser kann man im Einzelfall entscheiden, wen man um Unterstützung bitten kann.

R. OELKERS-AX: Uns beiden ist der ganzheitliche Blick auf das Kind oder den Jugendlichen und seine Familie wichtig. Die Profession des einen ergänzt die Profession des anderen. Ganz wie das bekannte Sprichwort sagt: „Um ein Kind aufzuziehen, braucht man ein ganzes Dorf.“

Vielen Dank für das Interview!

Das Familientherapeutische Zentrum (FaTZ) in Neckargemünd

Das FaTZ bietet integrierte tagesklinische Therapie für psychisch kranke Kinder mit Eltern und/oder psychisch kranke Eltern mit Kindern an (v.a. dann, wenn beide psychisch erkrankt sind). Es handelt sich um akute kinder- und jugendpsychiatrische und psychiatrische Therapie. 

Das übergeordnete Ziel des FaTZ Konzeptes ist die Förderung bzw. Entwicklung einer gesunden, tragfähigen Bindung zwischen Eltern und ihren Kindern/ihrem Kind durch eine ganzheitliche Therapie im Familienkontext.

Mehr Informationen

FaTZ Neckargemünd SRH Schulen Jugendhilfe
Kontakt
Newsletter
Freie Plätze